Carnival in Bahia 1

ONE WORD BARFINDER


Carneval in Salvador de Bahia

changnoi: Brief aus Bahia:


Paris, den 21.Januar
Ich bin satt von Deutschland. Ich brauche einen Ozean zwischen mir und dem Großen Schwarzen Loch. Ich will in ein mir unbekanntes Land reisen, dessen Sprache und Sitten ich nicht kenne. Brasilien, der Karneval von Bahia/Salvador. Ich bin nervös. Was erwartet mich in der neuen Welt ?

Recife, den 23. Januar
Nach 9 Stunden Flug komme ich um 08.30 Uhr Weltzeit in Recife an. "Primera vez an Brasio!?"
Der Mann hinter an der Information besorgt mir ein Taxi. Dabei streckt er den Daumen nach oben, was sich bald als wichtigstes Element der brasilianischen Körpersprache herausstellt, signalisiert doch der hochgestellt Daumen, -alles Klar- (todo bem). Es gibt nichts hinzuzufügen.
Der Taxifahrer steuert mich die Uferstrasse von Recife entlang. Plastikmüll, Jogger. Schlecht gekleidete, schmutzige Menschen schlafen auf dem Trottoir. Schlafen die nur ihren Rausch aus, warm genug ist es ja, oder sind das Obdachlose?
Recife Zentrum: Alte vergammelte Kolonialbauten wechseln sich mit verrotteten Neubauten ab. Davor schlafen echte Obdachlose. Als wir durch ihr Wohnzimmer fahren werden einige wach. An einer roten Ampel drückt mein Fahrer alle Türknöpfe runter. Ein junger Kerl liegt auf der Straße, eine vor Schmutz starrende Decke über den Kopf gezogen, der Oberkörper blutverschorft, die mit Abszessen übersäten Beine obskur verdreht. Ob der noch lebt? "Palácio de Justicia" sagt der Taxifahrer. "..."Oder Injusticia", erwidere ich. Sein Daumen schnellt nach oben. Eine Zigarette vielleicht ?
Wir sind das einzige Auto auf der Strasse. Die Leute am Straßenrand mustern mich : Da macht an diesem schönen Sonntagmorgen ein mit Dollares ausgestopfter, käsiger Gringo in einem Taxi mit runtergedrückten Türknöpfen eine kleine Stadtrundfahrt. Ich bin mir sicher, daß die mich, stünde ich mit meinen Alukoffer allein auf der Strasse, auf der Stelle schlachteten und in Portionen aufteilten, wären sie nicht noch so müde.
Mein Taxi bringt mich nach Olinda, eine kleine, feine, alte Stadt vor den Toren Recifes. Hotel Quatro Cantos. Sympathisches Zimmer mit Fan und Blick in den Garten. Ich schwitze am ganzen Körper. Es sind sicher 35 grad. Ich lasse mich auf mein Bett fallen, und da fällt sie mich wieder an, diese schweißheiße Instantgeilheit , wie sie nur in den Tropen zu Hause ist. Mein Körper produziert auf Hochtouren. Eingegrabene Eifersucht bricht auf, krallt sich mir im Nacken fest. Ich werde wahnsinnig. Sie ist verliebt und hat was zum vögeln. Ich liege allein auf meinem schmalen Bett unterhalb des Äquators, und muß fünf gegen einen spielen.

Als ich aufwache ist es dunkel. Ich klebe auf dem Bettlaken. Meine Haut brennt, und dieLuft in meinem Zimmer ist warm und feucht. Dusche und raus! Doch draußen ist es heiß und feucht. Ich gehe runter in den Garten. Ich will auf die Strasse, doch das Tor ist von innen verriegelt. Das Mädchen an der Rezeption verbietet mir das Hotel zu verlassen. Nao seguro, draußen wäre geschossen worden, und Polizia Militar käme auch gleich. Nun ja, ich muß ja nicht gleich am ersten Tag alles besser wissen, also füge ich mich ihrer Anordnung, und betrachte das Treiben auf der Straße von der Terrasse aus.
Da stehen in mehreren Gruppen, dichtgedrängt, einige hundert Menschen ohne Scham beieinander. Sie lachen, singen, tanzen, von Schießerei keine Spur. Genau unter mir hat sich ein Kreis gebildet in dessen Mitte zwei schwarze Burschen eine Caipoera aufführen: In schnellen Bewegungen von links nach rechts, vor und zurück, wiegen sie ihre nackten Oberkörper im Rhythmus der von den Umstehenden beigebrachten Musik. Diese schlagen mit einem Stab auf die gespannte Saite einer Art Flitzbogen, an dessen einem Ende ein ausgehölter Kürbis als Resonanzkörper befestigt ist. Andere klatschen einfach in die Hände, und beobachten die ihnen dargebrachte Vorstellung. Die Tänzer schlagen Rad gegeneinander. In schnellen Bewegungen drehen sie ihre Körper um die eigene Achse, dabei ein Bein zum Schlag gegen den Kopf des Partners schwingend, der jedoch mit dem Kopf abtaucht, um in der Gegenbewegung den gleichen Streich zu führen. Dies geschieht mit großer Geschwindigkeit. Alkohol, Ungeschicklichkeit und böse Absicht bewirken, daß Fehltritte nicht ausbleiben. Schon ist die schönste Rauferei im gange, an der auch die Umstehenden regen Anteil nehmen. Jauchzend und seufzend, manche nachtretend, genießen sie den Kampf. Gerät die Schlägerei jedoch zu ernsthaft, so beeilt sich die Menge die Streithähne zu trennen, um für eine neue Darbietung Platz zu schaffen.
Alle Teilnehmer sind freizügig gekleidet. Die Männer bedecken gerade mal ihr Geschlechtsteil mit einer kurzen Hose. Die Frauen noch die Spitzen ihrer Brüste mit einem Oberteil. Besonders fällt mir eine junge Frau auf, die, scheinbar unbeteiligt an dem Geschehen, neben dem Eingang zu einer Bar, an der Mauer lehnt. Sie hat ein Stirnbad unter den Haaren hindurchgeführt, welche, zu kleinen Zöpfen geflochten und höchst vorteilhaft auf ihre Schultern fallend, den passenden Rahmen für ihr schön geschnittenes Gesicht ergeben. Sie vereinigt afrikanische, indianische und europäische Züge. Niemand auf den sie es anlegte, könnte ihr widerstehen.
Verdammtes Elend, macht jetzt die Tür auf. Der kleine Elefant will seinen Rüssel von innen befeuchten, und sterben müssen wir alle mal. Ist ja auch schon reichlich Polizei da. Sehen übel aus. Richtige Schlagetots in Kampfanzügen mit automatischen Gewehren.
Von einem Handwagen herunter verkaufen ein paar amigos pinga (Schnaps) und cerveja(Bier).
"Cigarro por favor" - "Obrigado" - "De nada." Ich komme mit Tania ins Gespräch, die mit ihrer Mutter da ist. Beide hassen Karneval: zu viele Leute, zu laut, die Gewalt, der Gestank. Sie werden morgen nach Fortaleza abreisen und erst wiederkommen wenn der ganze Spuk vorbei ist. Dabei feiert Olinda eher einen familiären Karneval , nicht wie in Rio, wo sich die Leute zu hunderten gegenseitig ermorden, und manche alte Rechnung beglichen wird.
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Salvador/Bahia den 28.1.1994
Am nächsten Tag besuche ich eine Fiesta am Strand. Eine Gruppe Trommler und Bläser setzt eine fordernde, wahnsinnige Vibration frei. Maracatu! Ich bin völlig fertigt von dem stampfenden Rhythmus und der Fähigkeit der Menschen sich vollkommen diesem hinzugeben. Als Fremder schnell identifiziert versuchen sie mir die wichtigsten Schritte und Bewegungen beizubringen. Meine unbeholfenen Versuche finden allgemein heiteren Zuspruch.
Tags darauf nehme ich den Nachtbus nach Salvador/Bahia. Maria ist mir schon am Rodovicaria (Busbahnhof) in Recife aufgefallen. Eine weiße Rose mit blauschwarzen Haaren. Langstielig, mit großen Augen. Jetzt kaut sie einem Argentinier das Ohr ab. Sie quatscht und quatscht. Ich kann schon so kaum schlafen.
Völlig groggy schäle ich mich aus dem Bus. Was habe ich nicht alles gelesen, wie gefährlich es auf den Busbahnhöfen sein soll. Ich bin klatschnaß durchgeschwitzt. Wo gehts hier zu den Stadtbussen? Wo zu den Taxen? Nicht zu blöd in der Gegend rumglotzen. An die Bar. Bar ist cool. Die Kellner werden doch nicht ihre Gäste ermorden, aber wer weiß, vielleicht tun die dir was in den Kaffee.
Maria stellt sich neben mich. Im Schlepp hat sie einen Paulo, der sie offensichtlich auf dem Bahnhof erwartet hat, und sich jetzt mit ihren Koffern abquält. Sie war 4 Wochen bei ihrer Familie in Fortaleza. Sie wäre Friseurin, und kommt zurück, um die "sexy mulatas bonitas" für den Karneval herauszuputzen.
Wo ich denn hinwolle? "Nach Barra", antworte ich. Sie bietet mir an mich zu begleiten, müsse aber nur schnell nach Hause ihre Koffer abstellen. Ich könne bei ihr duschen. Etwas unsicher, über die Rolle dieses Paulo nicht ganz im klaren, nehme ich mit beiden ein Taxi.
Die Fahrt führt uns über öde Ausfallstraßen, an einfallslosen Hochhäusern und wild bebauten Straßenzügen vorbei. Just another fucking city, denke ich mir. Irgendwie hatte ich mir die Stadt anders vorgestellt. Die Altstadt hingegen liegt hoch auf einem Plateau und ist recht hübsch. Exotik funktioniert am besten aus der Distanz. Wir steigen vor einem knastähnlichen Hochhaus aus. Marias Appartament ist mit Eisengitter, 3 Schlößern und schwerer Eichentür mit Stangenschloß gesichert.
Sie will wieder, daß ich dusche. Paulo verpisst sich. Sie setzt sich aufs Bett, hier könne ich schlafen. Ich erkläre ihr, daß ich mir besser erst eine Pousada suche, bevor alles ausgebucht sei. Es ist doch Karneval.
Zusammen nehmen wir den Bus runter nach Barra. Wir schwitzen wie toll. Wir suchen die Pousada"Village Paulista". Sie fragt sich für mich durch. Die Leute schicken uns von schief nach quer und rauf und runter. Da ist sie ! Ich kriege gleich einen Kollaps!
Maria hat mittlerer Weile in einen eher flüssigen Aggregatzustand gewechselt . Ich biete ihr eine Dusche an. Ihr nackter Körper zeichnet sich hinter der Duschkabine ab. Mit einem Handtuch um die Hüfte tritt sie aus dem Bad. Schnell duschen.

Als Ich aus der Duschkabine raus komme, liegt sie nackt auf meinem Bett. Ihre Schenkel geöffnet, streckt sie ihre Arme nach mir aus. "Wellcome to Bahia" Die erregten Laute die sie von sich gibt, und die brasilianischen Worte die sie herausstöhnt sind so unverständlich wie erregend. Ich lerne, daß Präservativ auf brasilianisch "camezinia"heißt - "Hemdchen"
Eine Uferstraße trennt die Strandpromenade von den gegenüber liegenden Bars und Launchonetes. Ein paar Bäume spenden spärlichen Schatten. Darunter lauern gut gebaute Männer mit ihren austrainierten Körpern auf Beute. Sie starren mich an, mustern, schätzen mich. Frauen, schmeißt eure deutschen Männer weg. Ich bin der strangiero mit der falschen Hautfarbe. Hier in Bahia ist Mann/Frau braun oder schwarz und schlank und schön, aber nicht weiß und käsig mit ein bißchen Schwabbel um den Bauch.
Auf dem Strand unter mir wimmeln sonnenhungrige Körper. Mulatas, die ihre tiefbraunen Körper der Mittagssonne gnadenlos entgegenstrecken. Bahanos, die im tiefen Sand Volleyball spielen, oder ihre Körper mit einem Salto in den Meerschaum expedieren. Bierflaschen werden geöffnet, Babys gewindelt, und in Gedanken neue vorbereitet.
Wohin ich meinen Blick auch richte, überall erblicke ich schöne Menschen. Und sind erst die Erwachsenen schön, so sind es die Kinder doppelt. Leider sehe ich sehr viele arme Kinder, die sich bettelnd und stehlend von Tisch zu Tisch der Restaurants bewegen. Die Kellner verscheuchen sie gnadenlos. Andere Kinder arbeiten in Restaurants, verkaufen Tand, oder über fliegenden Holzkohleöfen geröstete Käsestangen.
Plötzlich Trommeln. Ein Ruck geht durch meinen Körper, ein Schauer läuft mir über den Rücken, die Körperhaare richten sich auf. 30 Männer stehen auf dem Platz an der Ecke. Sie schlagen auf dicke Pauken ein, die sie an ihren Hüften befestigt haben. Sie üben für das große Ereignis, den Straßenkarneval von Salvador.
Zoom: Zwischen Liegestühlen und Sonnenschirmen erblicke ich die schönste Frau die ich je in meinem Leben gesehen habe. Ihren Körper zu beschreiben verbietet mir mein Respekt. Die ist nicht von dieser Welt. Gott ist schwarz und eine Frau. Das ist sicher. Sie spricht mit einem schlanken Althippy mit Zopf und Stirnglatze. Jetzt küßt er sie ihn auch noch. Ich glaube es hackt; ein Erdenwurm küßt eine Göttin. Sie verabschieden sich. Sie geht auf die Steintreppe zu, die zur Straße hochführt. Wenn ich jetzt die Promenade runter gehe, und mein Tempo entsprechend steuere, müssen sich unsere Wege kreuzen. Sie geht an mir vorbei, stolz und schön würdigt sie mich keines Blickes. Ich selbst wage es nicht sie anzuschauen, weil dabei nur ein mauloffenes-dumm-Glotzen rauskäme. Sie wartet kurz am Straßenrand, läßt den Verkehr passieren und überquert die Straße. Ihre Schritte sind Samba. Sie steuert die Bar an der Ecke an. Wunderbar. Doch ehe ich über die Strasse bin, geht sie, Hand am Arsch, mit einem anderen die rua runter.
Salvador, den 3.Februar

Ich setze mich an einen Tisch vor einer Bar. Ein einfaches Mädchen setzt sich an meinen Tisch. Ich frage sie, ob sie die Frau kennt, die hier gerade mit dem dem Mann weg gegangen sei? Ihr Name sei Sonja antwortet sie,"very beautiful, very expensive". Meine Göttin ist also käuflich. Zwei Freundinnen setzen sich hinzu. Sehr nett. Nicht aufdringlich. Wir versuchen eine Konversation. Sie fragen nach meinem Namen, wo ich her käme und sofort. Eine fängt an zu weinen, weil ihr italienischer Freund sie sitzen gelassen hat.
Ich spendiere ihr ein Bier. Besonders unterhalte ich mich mit Andrea, der zurückhaltesten. Sie schlägt mir vor den schönen Strand von Itapoa zeigen. Wir verabreden uns für den nächsten morgen 10 Uhr früh vor meiner Pousada. Ich muß ins Wasser.
An einer etwas ruhigeren Stelle am Strand, hinter einem Bootswrack, wo vier Jungs recht geschickt mit einem Gummiball kicken, gehe ich zum Meer hinunter. Einen feinen Menschenkotgeruch ignorierend, der sich in die heiße Nachmittagsbrise mischt, stürze ich mich in die postkartenblauen Fluten, und schwimme ein paar kühle Züge. Ohne mich abzutrocknen, ziehe ich mich an, und stelle mich zu den gutaussehenden Bahianos oben auf der Promenade.
Salvador, den 29.Januar

Tatsächlich wartet Andrea am nächsten Morgen vor meinem Hotel. An der Haltestelle am Strand bedeutet sie mir, meine Tasche enger am Körper zu tragen, und vor allem soll ich sie zumachen. Wir nehmen den Bus nach Itapoa. Itapoa ist ein Fischer und Touristenort , eine Busstunde nördlich von Salvador. An der Strandbar (Barraca) von Ligia und Pieri essen wir leckere Mariscos und Pitu. Wir verbringen einen sehr angenehmen Tag am Strand. Sie versucht mir Portugiesisch beizubringen, und gibt mir viele Tips. Vor allem soll ich immer wachsam sein, und niemandem vertrauen. Besonders genieße ich den Sonnenuntergang. Ligia bringt die Rechnung . Andrea prüft sie genau. Ich gebe ihr meine Geldbörse zum Bezahlen.
Sie begleitet mich bis vor meine Pousada. Es ist wohl 21 Uhr, und wir verabreden uns wieder für den nächsten Morgen.
Gegen Mitternacht werde ich wach , und ein verrückter Durst treibt mich raus auf die Straße. Es hat noch immer 30 Grad draußen, Kleidung wäre eigentlich überflüssig. Ich stehe in der Gasse der Bar vom Nachmittag. Eine "Kontaktgasse" vielleicht 200 m lang, voll mit Kneipen auf beiden Seiten, und voll mit Menschen. Es ist kaum ein Durchkommen i. Ich setze mich an den wundersam freien Tisch neben dem Eingang zu Harry's Bar. Es dauert nicht lange, da fragt mich eine schwarze Blondine ob ich Argentinier sei. Das geht runter wie mein Caiprina . Sie setzt sich an meinen Tisch, sagt sie arbeite in der Bar um die Ecke, wir könnten doch zusammen eine Dusche nehmen und ich könnte sie dann zur Arbeit bringen. Ihr Name sei Paula.
Nachdem wir uns wieder angezogen hatten, brachte ich sie zu ihrer Bar. Sie war schwer zu vergessen.
Fast jede Nacht kehre ich jetzt bei Paula's ein, wo sie mir bereits Kredit verschafft hat. Ich liebe Clubs wo ich Kredit habe. Micki Mausi, mein neuer schweizer Freund, hängt an der Bar und hält sich an seinem Caipirina fest.

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